Menschenrecht auf gute Bildung!

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Im Rahmen des Tübinger Ract – Festivals (11./12. Juni) fand am Samstag, dem 12.06.2010, ein von den Jusos Tübingen und der Juso Hochschulgruppe organisierter Workshop zum Thema „Menschenrecht auf gute Bildung!“ statt.
Der UN – Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung Vernor Muñoz stellte in seinem UN – Bildungsreport 2007 fest, dass das deutsche Bildungssystem hochselektiv sei, und arme Kinder, Migrantenkinder und behinderte Kinder systematisch benachteiligt. Deutschland somit also gegen das Menschenrecht auf Bildung verstößt. Bis zum Jahr 2010 hat sich wenig verändert – Grund genug darüber zu diskutieren.

In dem rund zwei Stunden dauernden Workshop beschäftigten sich die Teilnehmer in Kleingruppen mit den verschiedenen Themenkreisen: frühkindliche –und schulische Bildung, der beruflichen Ausbildung und der akademischen Perspektive von Arbeiterkindern. Nach einer Einführung durch Heiner Bidmon von der Gewerkschaft IG Metall und von Jérome Kuchejda von „Arbeiterkind.de“, sowie Manuela Heffner, deren Themenschwerpunkt die frühkindliche Bildung darstellte, kam es zu intensiven Diskussionen, deren Ergebnis am Ende des Workshops allen Teilnehmern präsentiert wurde. Dabei kristallisierte sich der Hauptschulabschluss als zentrales Problem der beruflichen Ausbildung heraus. Weiterhin stellten die Teilnehmer ein Informationsdefizit bei Kindern von Arbeitern fest, welches die Aufnahme eines Studiums erschwert. In der Schulbildung missfielen besonders die föderalistischen Strukturen.
Hier im Folgenden die genauen Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen:
1. Berufliche Ausbildung
Im Allgemeinen wird für viele Ausbildungsberufe heutzutage das Abitur benötigt. Die Arbeitgeber haben die Möglichkeit zwischen vielen Bewerben zu wählen und selektieren stark nach Bildungsabschluss, so dass Bewerber mit Hauptschulabschluss oft keine Möglichkeit gegeben wird sich dem Chef selbst zu präsentieren. Der Entwertung des Hauptschulabschlusses liegen neben dem gestiegenen Angebot an Abiturienten und Realschülern auch gesteigerte Arbeitsanforderungen zu Grunde. In immer internationaler ausgerichteten Betrieben müssen auch Auszubildende immer häufiger die englische Sprache beherrschen und grundlegende Computerkenntnisse besitzen. Auch die wachsenden Anforderungen in der Bedienung komplizierter Maschinen werfen die Frage auf, ob der Hauptschulabschluss in seiner jetzigen Ausrichtung noch zeitgemäß ist.
Um auch Hauptschüler besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, muss die schulische Ausbildung besser an die Anforderungen an das spätere Arbeitsleben angepasst werden. Weiterhin muss die Vorverurteilung des Hauptschulabschlusses durch Arbeitgeber ein Ende finden. Auch eine Quote für Hauptschüler, wie sie von Betriebsräten in einigen Unternehmen durchgesetzt wurde, ist sinnvoll.
Dem Gedanke, dass sich der generelle Ausbildungsplatzmangel demographisch selbst reguliert, wurde eine Absage erteilt. Bereits heute werden Ausbildungsplätze für gering qualifizierte massiv ins Ausland verlagert, so dass diese Arbeitsplätze auch in Zukunft in Deutschland fehlen. Konsequenterweise werden deutsche Arbeiter zu „Gastarbeitern“ und arbeiten zukünftig in anderen Ländern, um ihr Auskommen in Zeiten immer magereren sozialen Sicherungssystemen garantiert zu wissen.
Desweiteren ist festzuhalten, dass häufig Ausbildungsbetriebe sich ihrem Auftrag, nämlich der Aus- wie der allgemeinen Bildung entziehen. Azubis werden als billige Arbeitskräfte angesehen, der Hauptaufgabe die Produktion und Wertschöpfung ist – die ihnen eigentlich zustehende Ausbildung wird immer weiter reduziert. Besonders die Ausbildung-light-Plätze, die man an der Verkürzung der Ausbildungszeit auf zwei Jahre erkennt, sind hier negative Vorreiter.

2. Arbeiterkinder an die Universitäten

Dass Kinder von „Arbeitern“ weniger häufig die Universitäten des Landes besuchen, als eine Vergleichsgruppe von Akademiker-Kindern ist statistisch gut belegt. Von Kinders aus Arbeiterfamilien gehen weniger als die Hälfte nach ihrem Abitur an die Hochschulen. Woran liegt das? Primär fällt der finanzielle Faktor ins Auge, denn ein Studium ist teuer. Die monetären Belastungen durch eine Wohnung, die normalen Lebenshaltungskosten und nicht zuletzt die Studiengebühren wirken selektiv und schrecken ab. Jedoch müssten sie das nicht in diesem Maße, denn das BAföG ist ein probates Mittel um dem finanziellen Problem zu entgehen. Auch wenn durch den Bezug des BAföGs Schulden entstehen, sollte dies kein Grund sein ein Studium nicht zu erwägen, da durch die akademische Ausbildung ein späteres hohes Einkommen wahrscheinlich erscheint. Doch gerade Kinder aus weniger begüterten Familien schrecken vor diesem Wagnis zurück und setzen auf die scheinbar sicherere Karte „Ausbildung“ und verschärfen somit wiederum den Druck auf die Jugendlichen mit niedriger qualifizierenden Abschlüssen. Um diese Abwärtsspirale aufzubrechen und den weniger begüterten AbiturientInnen zu helfen den Mut für ein Studium zu fassen, ist Aufklärung über die genauen Modalitäten der möglichen Studienfinanzierungen nötig.

Weitere Gründe für die geringe Anzahl von Arbeiterkindern an Universitäten sind Ängste und Vorbehalte gegenüber dem akademischen Weg zum Beruf. Da die Eltern in diesem Fall selbst keine Universität besuchten, könne sie ihren Kindern keine Informationen oder Erfahrungen weitergeben, so dass die Universität als terra incognita wahrgenommen wird. Eher wird dem Kind dann eine Ausbildung in den selbst erfahrenen Strukturen nahegelegt.
Auch die Vorbehalte der Eltern und ihrer Kinder fußen letztlich auf einem Informationsdefizit, dass durch frühzeitige Interventionen in der Schule beseitigt werden muss. Hier setzt die Arbeit von „Arbeiterkind.de“ an!

3. Schulbildung
Dass der föderalistischer Bildungsansatz eine Schnapsidee ist, dürfte den meisten bekannt sein. Warum die in diesem Falle negative Bildunsgvielfalt immer noch existiert, wissen die wenigsten.
Denn Bildung sollte bundesweite einheitlich organisiert sein, damit Solveig in Kiel das gleiche lernt wie Korbinian in München. Diese Einheitlichkeit sollte durch gleiche Abschlüsse dokumentiert werden, die auch einen reibungslosen Schulwechsel ermöglichen.
Dabei sollte Bildung immer individualisierter den Schüler/die Schülerin erreichen, damit die persönlichen Begabungen gezielt gefördert werden können. Grundlage dieser individuellen Förderung ist ein verbesserter Betreuungsschlüssel. Ohne diesen und der damit gewonnen Flexibilität muss der Frontalunterricht mit Trichter nahezu alternativlos bleiben.
Die Verknüpfung von theoretischen Inhalten und praktischer Verwirklichung z.B. in Form von Projekten und die Stimulierung der Schüler auf mehreren sensorischen Ebenen sollte Ziel eines neuen Unterrichtskonzeptes sein. Auch sollte die Art des Lehrens kooperativer ausgestaltet werden. Kleinere Klassen, die von zwei LehrerInnen gleichzeitig unterrichtet werden, werden dem Ziel einer einheitlich guten Schulbildung, die sich an den individuellen Bedürfnissen der SchülerInnen orientiert, gerecht
Letztlich muss es eine zentrale Institution geben, die Schulen nach einheitlichen Bewertungskriterien evaluiert, damit diese ihre Defizite erkennen und beseitigen können.

4. Frühkindliche Bildung
Um die Chancengleichheit im Bildungssystem zu gewährleisten, ist es unerlässlich, dass alle Kinder mit ungefähr gleichen Vorkenntnissen in die Schullaufbahn starten. Ohne eine verbindliche, kostenfreie und auf eine Ausgleichung individueller Defizite der Kinder ausgerichtete frühkindliche Bildung, ist keine Veränderung der Gegebenheiten zu erreichen. Nur wenn das Menschenrecht auf Bildung möglichste früh, idealerweise schon im frühesten Kindesalter gewährt wird, kann eine gerechte Bildungs-Republik Deutschland verwirklicht werden. Ohne frühe Förderung ist keine wahre Integration und keine Chancengleichheit möglich. Deshalb muss die frühkindliche Förderung nicht nur bundesweit einheitlich gestaltet werden und prinzipiell kostenfrei sein, sondern auch der Ausbildung und der beruflichen Qualifikation der ErzieherInnen mehr Aufmerksamkeit und Würdigung zu Teil werden.

(TS, KL)